Dienstag, 4. Juli 2006

Schau-Spiel (1)

Es war ein auf den ersten Blick unscheinbarer Brief, der vor der Türe lag. Es war feines Papier. Unten rechts in der Ecke stand ein altdeutsch geschriebenes großes "H" geschrieben. Erst bei näherem Hinsehen erkannte sie, dass es wohl, wie ein Wasserzeichen, im Umschlag auf- oder eingedruckt war. Unwillkürlich riecht sie an dem Brief. Sie glaubt den Hauch eines herben interessanten Duftes wahrzunehmen. Auf der Rückseite fällt sofort das Siegel ins Auge. Im roten Siegellack eingedrückt, erscheint genau dasselbe "H" wie auf der Vorderseite.

Behutsam öffnet sie das Siegel, will es scheinbar nicht zerstören, nachdem sie zum Sekretär im Flur gehastet ist. Dieses behutsame Öffen, das sehr im Widerspruch zur vorherigen Hast steht, bedenkt sie nicht. Vorsichtig entnimmt sie dem Umschlag eine Theaterkarte. Ein Zeitgenosse wird gegeben, selbst wenn das Stück schon Jahrzehnte alt ist, klassisch modern, denkt Sie. Während sie überlegt ob sie mal ein Stück von Botho Strauß gesehen hat, dreht sie die Karte um und sieht auf der Rückseite die Aufforderung "Verfolgen Sie aufmerksam hauptsächlich das Stück - H." säuberlich handschriftlich geschrieben stehen. Das Wort hauptsächlich, welches bereits ihre Gedanken beschäftigt, ist unterstrichen. Warum unterstreicht er dieses Wort ? Ein Kribbeln macht sich in Ihrem Körper breit. Wann ? Wann ist das ? Oh jetzt am Freitag schon ? Jetzt erst fällt ihr die Platzbezeichnung auf. "Loge 1" steht auf der Karte. Noch nie hatte sie bei einem Theaterbesuch einen Logenplatz. Bereits eine Minute später hat sie Ihren beiden Freundinnen für Freitag abgesagt.

Sie zählte. Es sind sechs Sessel, oder Stuhlsessel, in der Loge. Sie war extra pünktlich angekommen. Nach einigem Überlegen ob sie warten sollte oder bereits die Loge aufsuchen, entschied sie sich für letzteres. Nun betrachtet sie die Sessel. Ein Stuhl steht in der Mitte vor der Balustrade, die anderen scheinen seitlich zusammengeschoben zu sein. Auf einem Kleinen Tischchen mit Lampe, welches ein gedimmtes Licht abgibt, stehen ein Sektkühler und zwei Gläser. Beide Gläser sind halb gefüllt und der Inhalt prickelt wie frisch eingeschenkt. Sie wählt ein Glas aus und kostet. Nach einigem Zögern, was auch immer in ihrem Kopf vorgeht, setzt sie sich auf den mittig plazierten Sessel. Die Atmosphäre beginnt zu wirken. Sie genießt die Aussicht auf den Innenraum von diesem erhöhten Platz aus. Langsam füllt sich das Schauspielhaus. Schauspielhaus. Sie läßt sich das Wort auf der Zunge zergehen und beginnt zu Lächeln. Schau-Spiel. Ein Spiel. Ja. Sie liebt Spiele. Schau ? Aus-Schau kommt ihr in den Sinn. Es dauert lange, bis sie merkt, dass ihre aufkommende Erregung nicht nur von der Situation, der Atmosphäre, dem Schluck Champagner und von Ihrer Phantasie herrührt, sondern der Sessel tatsächlich leichte, variierende Vibrationen in ihren Unterleib sendet. Gerade als Sie dieses näher untersuchen will, hört es auf.

Ja sicherlich bemerkt sie den leichten Lichtschein, der in die Loge dringt als die Tür geöffnet und wieder geschlossen wird, obwohl sie sich nichts anmerken lässt. "Schön das Sie meiner Einladung gefolgt sind" Genau mit dem Beginn seiner Worte, etwas lauter als geflüstert, setzen die Vibrationen des Sessels wieder ein, etwas stärker als vorher. Das Stück hat vor ein paar Minuten begonnen. In dem schwachen Lichtschein des abgedunkelten Raumes kann sie nur seine Konturen und groben Gesichtszüge erkennen, als er ihr das Glas reicht und mit ihr anstösst. Sofort verschwindet er wieder aus dem Blickfeld um sich hinter ihr ebenfalls auf einen Sessel zu setzen. Sie verfolgt das Stück. Zwischenmenschliche Themen. Ein weites Feld. Anspielungen fallen auf der Bühne, werden vergessen, plötzlich plötzlich durch gebrochene Dialoge, andere Themen scheinbar zusammenhanglos ersetzt, umkreist um schließlich wieder aufgenommen zu werden. Das Paar was sich zu kennen scheint, wie aus den immerlauter werdenden Dialogen ersichtlich, schreit sich schließlich an um, sich heftig küssend, einander in die Arme zu fallen. Genau in dem Moment wird sie sanft von hinten hochgezogen und scheinbar genauso heftig wie auf der Bühne, umarmt. Aufgrund der lauten Dialoge hat niemand, trotz gerade einen Moment lang fast bedrückenden Stille, niemand zu Loge aufgeschaut, als er laut quietschend den Sessel zur Seite schiebt. Im fast gleichen Rhythmus wie das Paar auf der Bühne, fahren seine Hände über Ihren Körper, berühren den Bauch, drücken sich auf ihren Hügel, wandern seitlich aufwärts, fassen ihre Brüste, streichen über den Hals, fahren hoch zu Ihrem Gesicht, verfangen sich in den Haaren und wandern wieder abwärts. Längst geht ihr Atem schneller. Längst mischt sich gedämpftes Stöhnen unter Ihre Atemgeräusche. In dem Moment in dem das wild knutschende Paar auf der Bühne knutschend durch eine Tür verschwindet, beugt er sie nach vorne, so dass sie sich mit den Armen auf der Balustrade abstützt. Im gleichem Moment hebt er ihr Kleid hoch und zieht ihr, ohne jegliches Zögern, den Slip herunter....
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